Zur Sage vom Heidenstock. Oder: Die Verteufelung der Waldvölker

In: Ruhrsagen. Von der Quelle bis zur Mündung. Herausgegeben von Dr. Dirk Sonermann. Schmallenberg/Iserlohn 2025, S. 295-298.

 

Auf einem Grenzweg im südlichen Sauerland, tief im Wald verborgen, befindet sich ein kleines Denkmal namens „Heidenstock“ mit der folgenden Aufschrift: „Opferstätte der heidnischen Sachsen. Im heißen Kampf sollen an diesem Zufluchtsort der Sage nach die letzten Anhänger Wodans ihr Leben gelassen haben“. Wie alt der Heidenstock tatsächlich ist, lässt sich schwer rekonstruieren. Laut Inschrift wurde die Texttafel vom „Schnadezug Gericht am 06. Oktober 2007“ angebracht, während der Flurname „Am Heidenstock“ bereits in einer mittelalterlichen Chronik des nahegelegenen Dorfes „Girkhausen“ erwähnt wird (14. Jhd.). Doch wie jede Sage scheint auch die vom Heidenstock einen historischen Kern zu haben: Legt man die Gedenkschrift inhaltlich zugrunde, lässt sich vermuten, dass der Stein (oder der Ort) bereits im späten 8. oder frühen 9. Jahrhundert bekannt war, nämlich zur Zeit der sogenannten Sachsenkriege (772-804), als die germanischen Gentes in Zentraleuropa zwangschristianisiert wurden und ihrem alten Glauben – bei Androhung der Todesstrafe – abschwören mussten.

 

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Im heutigen Sauerland lebten verschiedene Germanenstämme, zum Beispiel die Brukterer, zu denen die berühmte Seherin Veleda zählte (vgl. die „Veledahöhle“ bei Bestwig-Velmede). Etwas später siedelten auch Altsachsen im Sauerland. Das Kerngebiet dieses germanischen Völkerverbandes war zwar das heutige Nordwestdeutschland, doch der Siedlungsbereich reichte bis nach Südwestfalen („Suderlande“). Bekanntlich befand sich sogar das naturreligiöse Zentralheiligtum der Altsachsen im Sauerland, ein Baumheiligtum, das Irminsul genannt wurde („große Säule“).

 

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Natürlich versuchten die Germanen zunächst, ihre alten Traditionen im Geheimen fortzusetzen und flüchteten sich in unzugängliche Gegenden, etwa die dicht bewaldeten Hügel des Rothaargebirges. Zumindest „der Sage nach“ war auch die Gegend um den Heidenstock ein solcher „Zufluchtsort“. Ob dort fürwahr „die letzten Anhänger Wodans ihr Leben“ ließen, ist unbekannt. In den historischen Quellen ist davon keine Rede. Gleichwohl scheint die Sage vom Heidenstock mindestens doch eine Erinnerung erhalten zu haben an jene Zeit und Gegend, in der die jahrhundertealte Verehrung der Wälder und des Waldgottes ein jähes Ende fand. Die Zwangschristianisierung der Sachsen endete im Jahre 804, wobei der offizielle „Friedensschluss“ unter der Bedingung stattfand, „daß sie dem heidnischen Götzendienst und den heimischen Religionsgebräuchen absagten, die Sakramente des christlichen Glaubens annahmen und mit den Franken zu einem Volk sich verbanden“ (Einhardi Vita Karoli Magni).

 

Link zum Buch "Ruhrsagen" (WOLL-Verlag).

 


AUF DEN SPUREN UNSERER HEIDNISCHEN SPIRITUALITÄT

 

Die Germanen verehrten ihre Götter in heiligen Hainen. Ihr Hauptgott Odin bzw. Wotan war der Gott des Waldes und der Wildnis – die personifizierte Ur-Kraft der Natur. Im Zuge der Zwangschristianisierung im Mittelalter wurde diese Waldreligion jedoch verteufelt: Die heiligen Bäume wurden gefällt, die holden Naturgeister zu Dämonen degradiert und die heidnischen Bräuche als Hexenwerk gebrandmarkt, sodass das vorchristliche Wissen der Waldvölker – uralte Mythen und schamanische Rituale – bis heute in verfälschter Form vorliegt. Dr. Thomas Höffgen erzählt die dramatische Geschichte der Verteufelung und ent-teufelt die naturmagischen Traditionen unserer Kultur – ein Standardwerk für alle, die sich für pagane Religion und pantheistische Philosophie interessieren, aber auch nach spiritueller Wiederverbindung mit der Natur und mit dem Wald streben.