In: Tattva Viveka. Zeitschrift für Wissenschaft, Philosophie und spirituelle Kultur (107). Juni 2026, S. 90-95.
Thomas Höffgen erzählt vom naturspirituellen Leben, Denken und Handeln der germanischen Waldvölker in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Elementargeistern, Elfen, Zwergen und Trollen, aber auch vom heute noch bestehenden Glauben an das ‚Kleine Volk‘ im modernen Island.
Wilde Wälder, wilde Menschen: Baumriesen und Barbaren
Heute kann man es sich kaum noch wirklich vorstellen, aber im Altertum waren Mittel- und Nordeuropa fast vollständig bewaldet: Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands erstreckten sich unendliche Buchenmischwälder, Skandinavien war von immergrünem Nadelholz bedeckt. Wohlgemerkt waren diese Wälder nicht vergleichbar mit einem modernen Forstwald: Die Bäume standen nicht in Reih und Glied eng beieinander. Vielmehr waren große Teil des Kontinents von einer Art Waldtundra bedeckt: Rund 75% der Landesfläche waren bewaldet, dazwischen gab es Wiese und Heide, Sträucher und Stauden, aber auch große Sumpfgebiete, Seen und Moore.
Städte gab es damals noch keine in dieser wilden Gegend, aber einzelne Gehöfte, die jeweils ein paar Kilometer auseinanderlagen. Die Menschen, die diese Landschaft bewohnten, waren verschiedene Stammesgesellschaften mit nahverwandter Sprache und Kultur, die man unter dem Namen „Germanen“ zusammenfasst. Sie waren Waldvölker, die auf Selbstversorgerhöfen und in Kleinstsiedlungen inmitten der Ur-Wälder lebten und Ackerbau und Viehwirtschaft betrieben. Sie richteten ihr Leben nach den ewigen Gesetzen der Natur aus, nach dem Kreislauf der Gestirne und den Jahreszeiten, nach Himmel und Erde, Flora und Fauna. Sie waren Naturvölker.
Für die zeitgenössischen Mittelmeerkulturen, insbesondere die antiken Römer, waren die Germanen jedoch nur mehr „Hinterwäldler“ und „Barbaren“ bzw. „Wilde“. Sie konnten es kaum fassen, dass nördlich der Alpen und rechts des Rheines tatsächlich noch Menschen lebten. Denn sie selbst waren ja „zivilisiert“ und hatten ihre Wälder bereits allesamt gerodet. Das Imperium Romanum war eine Stadtkultur, während die Germanen eine Naturkultur pflegten.
In den Schriften der römischen Gelehrten heißt es, dass „Germanien“ im Wesentlichen aus „Wäldern“ und „schaurigen Sümpfen“ (Tacitus) bzw. „undurchdringlichen Wäldern“ und „Baumriesen“ (Cassius Dio) bestehe. Auch der berühmt-berüchtigte Feldherr Gaius Julius Caesar beschrieb den Lebensraum der germanischen Gentes als eine unendliche Wildnis. Über den von ihm sogenannten Herkynischen Wald nördlich der Donau und rechts des Rheines schreibt er: „In diesem Teil Germaniens gibt es niemanden, der von sich behaupten könnte, er sei bis zum östlichen oder nordöstlichen Rand des Waldes vorgestoßen, auch wenn er sechzig Tage marschiert wäre, noch weiß jemand, wo der Wald anfängt“.
Wilde Wesen, wildes Denken: Die Ur-Einwohner des Landes
Für die römischen Gelehrten waren die Germanen die „Ur-Einwohner“ dieses Waldlandes zwischen Alpenrand und Nordmeer. Die Germanen selbst hätten ihnen jedoch wahrscheinlich widersprochen und in ihrer Sprache mitgeteilt, dass die wahren Ur-Einwohner des Landes die „Vættir“ seien, die Naturgeister. Diese Wesen waren schließlich schon lange vor den Menschen da, hätten sie geantwortet, und bevölkern doch die Wälder und die Wildnisse bereits seit Urzeiten.
„Vættir“ ist das altnordische Wort für die Naturgeister und lässt sich etymologisch als „Wesen“ übersetzen. Es handelt sich um einen Sammelbegriff für alle Geschöpfe der niederen Mythologie, also Elfen, Zwerge und Riesen, Trolle und Thursen, Sylphen und Undinen, Moosfräulein und Nixen, Hollen, Bilwisse und Schrate, um nur wenige zu nennen. Sie sind fürwahr Ur-Wesen: In den alten Mythen des Nordens existieren sie schon vor den Göttern (man denke etwa an den Ur-Riesen Ymir, aus dem die Welt erschaffen wurde). Sie sind zwar keine Götter, wurden aber teils ebenso verehrt wie diese (man denke etwa an das Álfablót, das Opfer an die Elfen).
„In jedem Elemente verehrte man wunderbare Wesen“, schrieb Heinrich Heine einmal treffend über die heidnische Naturreligion der Germanen. Im animistischen Weltbild dieser Völker wurden alle Phänomene der Natur als von Vættir beseelt wahrgenommen: In jedem Baum lebte ein Baumgeist, in jedem Stein ein Steingeist und in jedem Fluss ein Flussgeist. Es gab Skogvættir („Waldwesen“), Fjallvættir („Bergwesen“) und Sjóvættir („Seewesen“). In gewisser Hinsicht lebten die alten Heidenvölker fürwahr in einer Art Märchenwelt, in der das Wunderbare wirklich war. Das mag sich etwas kitschig anhören, aber tatsächlich stammen ja einige der Volksmärchen, die wir noch heute kennen, nachweislich aus genau dieser Zeit (da Silva und Tehrani 2016). In ihnen hat sich anscheinend die authentische Erinnerung erhalten an die animistische Weltanschauung und naturmagische Lebenswirklichkeit der vorchristlichen Völker in Europa.
In den Geisteswissenschaften hat man eine solche Weltanschauung, in der die Umwelt als von mythischen Geschöpfen bewohnt wahrgenommen wird, als „wildes Denken“ bezeichnet. Der Begriff stammt vom Ethnophilosophen Claude Lévi-Strauss und fungiert seitdem als fachliche Bezeichnung für die Wahrnehmung und Denkweise indigener Völker, die nicht primär auf Rationalität und Abstraktion beruht, sondern auch Intuition und Imagination sowie Analogie und Allegorie miteinschließt. Wohlgemerkt wird dieses Denken der Naturvölker nicht als primitiv bewertet, sondern als eine dem modernen Denken qualitativ ebenbürtige, weil in sich ebenso logisch geschlossene Weise der Welterklärung. Die Germanen waren solche wilden Denker. Ihr Naturgeisterglaube ist das Zeugnis einer kosmologischen Strukturleistung in mythopoetischer Gestalt sowie Ausdruck der Bewunderung und Wertschätzung gegenüber den Kräften der Natur.
Wilde Gegend, wilde Riten: Die Landnahme
Die Wälder, in denen die germanischen Stämme lebten, waren schier unendlich. Weite Landstriche waren gänzlich unbewohnt und vielleicht noch nie betreten worden. Jedenfalls nicht von Menschen. Denn die Vættir lebten ja schon immer dort: „Der Raum bzw. die Erde gehört diesen Wesen als den Ureinwohnern“, heißt es beim Mediävisten Claude Lecouteux, „und wer sich irgendwo ansiedeln will, der muß bereit sein, sich mit ihnen auseinanderzusetzen“.
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Elfen, Zwerge, Riesen
Das alltägliche Leben der Germanen war von dem Kontakt mit den Naturgeistern bestimmt, deren Wohnstätten sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Gärten und Gehöften der Menschen in den Wäldern befanden.
In den Bäumen lebten Elfen, in der Erde wohnten Zwerge und in den Bergen hausten Trolle. Sagen berichten von Waldgeistern, wilden Männern und Moosfräulein. Bräuche belegen die Verehrung von Haus-
und Hofgeistern. Viele dieser Wesen waren gute Freunde und Hilfsgeister, andere gefährliche Feinde, vor denen man sich mit ganz bestimmten Ritualen, Zaubersprüchen, Runen und Amuletten schützen
musste.
Thomas Höffgen beschreibt das Leben der Germanen mit den Wesen des Waldes und verfolgt die Spuren der Naturgeister vom Altertum bis in die Gegenwart.
