In: Info 3. Bewusst leben - Gesellschaft gestalten. Dezember 2025, S. 40-45.
Woher kommt der Weihnachtsbaum und wer sind eigentlich die Wichtel? Was sind Rauchnächte, Orakelnächte und Losnächte? Und wieso deckt man in der Neujahrsnacht den Tisch im Haus und setzt sich dann aufs Dach? – Thomas Höffgen berichtet von heidnischen Mittwinterbräuchen.
Einleitung: Geweihte Nächte
Bis heute ist die Weihnachtszeit eine Hochphase traditioneller Brauchtümer: Man wichtelt, räuchert und orakelt, errichtet einen Weihnachtsbaum und gedenkt im Stillen seiner Ahnen. Einige der Bräuche, die zu dieser Zeit begangen werden, stammen aus dem Christentum. Andere sind deutlich älter und gehen zurück auf heidnische Mythen und Riten.
Schon für die vorchristlichen Völker in Europa, zum Beispiel die Germanen, waren die zwölf geweihten Nächte nach der Wintersonnenwende (21.12.), die sogenannten Rauhnächte, eine besondere Zeit im Jahr, die mit allerlei Geschichten und Gebräuchen einherging. Das deutsche Wort „Weihnachten“ ist laut Duden urgermanisch und bezieht sich auf ebendiese zwölf geweihten Winternächte. Der Name des „Jul“-Festes“ wiederum, wie Weihnachten in Skandinavien genannt wird, leitet sich sogar von einem Beinamen des germanischen Gottes Odin ab, nämlich „Jólnir“. Nicht ganz unbegründet wurde daher in der Vergangenheit immer wieder der Verdacht geäußert, dass der langbärtige Hauptgott der Germanen, Odin, der ursprüngliche „Weihnachtsmann“ sei.
Viele Weihnachtsbräuche, die wir bis heute pflegen, rühren nachweislich noch aus dem Altertum. Sie gehen mithin auf eine Weltanschauung zurück, die von magischem Denken und Handeln geprägt war. Die Interaktion mit der geistigen Wirklichkeit galt damals nicht als Aberglaube oder Esoterik, sondern war fürwahr etwas völlig Normales: Jeder brachte Göttern Opfergaben dar, kommunizierte mit Natur- und Hausgeistern und führte Gespräche mit verstorbenen Verwandten. Das magische Denken war nicht auf Magier beschränkt. Zwar mögen Zauberer oder Schamanen ganz besonders dazu in der Lage gewesen sein, mit dem Numinosen zu interagieren. Aber auch alle anderen versuchten auf vielerlei Art und Weise mit der Geisterwelt in Kontakt zu kommen. Man spricht in dem Zusammenhang von „Volksmagie“ oder auch von „Hausschamanismus“.
Im Folgenden werden sieben heidnische Weihnachtsbräuche vorgestellt, die im magisch-schamanischen Weltbild der Germanen wurzeln und meistenteils auch heute noch bekannt und in Gebrauch sind. Man mag vielleicht nicht mehr so ganz an ihre Wirkung glauben. Aber ihnen allen wohnt noch immer eine besondere Magie inne, die offenkundig stark genug ist, dass diese Bräuche seit Jahrhunderten und Jahrtausenden mindestens einmal im Jahr begangen werden.
Sieben heidnische Weihnachtsbräuche
1. Der Weihnachtsbaum
2. Das Wichteln
3. Das Orakeln
4. Das Lauschen
5. Das Räuchern
6. Das Tischbereiten
7. Das Draußensitzen
Schluss: Andenken und Wiederverbindung
In seinem Vortrag vom 27. Dezember 1910 in Stuttgart betont Rudolf Steiner, dass es nicht genüge, sich bei der Betrachtung des Weihnachtsfestes auf die christliche Sichtweise zu beschränken: Man müsse auch die „Gefühle und Empfindungen“ derjenigen miteinbeziehen, die schon „vor der Einführung des Christentums“ in „den Gegenden Mitteleuropas“ das „Julfest“ begingen „zu den Zeiten, die entsprechend waren jenen, in denen heute das Weihnachtsfest herankommt“. Denn darin sei „wirklich noch ein Nachklang alter hellseherischer Kräfte“ vorhanden mitsamt der realen Möglichkeit, „das innere Göttliche“ bzw. „das höchste Licht des Geistes“ während der Wintersonnenwende wahrzunehmen: „Und das, was sich anschloß an diese Stimmung, war etwas, was uns so recht zeigen kann, wie lange im Grunde genommen das Andenken an die alten hellseherischen Zustände aller Völker gerade in Mittel- und Nordeuropa heimisch geblieben ist“.
Offenbar wirkt dieses Andenken bis heute nach, nämlich in den heimischen Hausgebräuchen der Weihnachtszeit. Warum sonst sollten so viele Leute immer noch dieselben alten Bräuche pflegen wie ihre vorchristlichen Vorfahren, wenn nicht, um sich auf diese Weise mit den alten Kräften wieder zu verbinden?
HEILEN, HEXEN, HELLSEHEN
„Alltagsschamanismus“ ist keine esoterische Erfindung, sondern ein Fachbegriff für alle schamanischen Techniken und Traditionen, die nicht von den Schamanen selbst, sondern von gewöhnlichen Menschen im täglichen Geschäft mit Göttern und Geistern ausgeführt werden. Auch unsere Vorfahren praktizierten einen solchen „Hausschamanismus“. Seine Wurzeln liegen im magischen Denken und Handeln der Germanen. Im frühneuzeitlichen Hexentum erreichte er einen Höhepunkt. Aber bis vor gar nicht allzu langer Zeit gab es noch Menschen, die ihn im alltäglichen Leben einsetzten. In diesem Handbuch werden die wichtigsten Praktiken des heimischen Alltagsschamanismus vorgestellt, zum Beispiel: Heilkunde und Hellsehen, Zauberei und Zaunreiten, Weissagung und Wettermachen, Tanz- und Trommelrituale, Ahnen- und Familienkulte, Orakel- und Opferzeremonien, Natur- und Jahresbräuche.
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