Thomas Höffgen

Liebe zur Weisheit

"Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält" (Goethe: Faust)

 

Das altgriechische Wort φιλοσοφία bedeutet wörtlich "Liebe zur Weisheit". Philosophie ist die Suche nach Erkenntnis und ewiger Wahrheit. Die Gegenstände der Philosophie sind die ersten und die letzten Dinge: Was ist die Welt? Was ist das Leben, was der Tod? Und was bin ich?

 

Philosophie ist die Mutter aller Wissenschaften: Alle Einzeldisziplinen sind aus ihr entstanden, Physik und Metaphysik, Biologie und Psychologie, Anthropologie und Zoologie, Poetik und Logik, Astronomie und Geometrie, Alchemie und Arithmetik, Politik und Ethik, usw.

 

Die Wurzeln der europäischen Philosophie reichen in die vorklassische Antike: Naturphilosophen wie Thales von Milet und Heraklit von Ephesos strebten danach, die Mannigfaltigkeit des Seins auf einen gemeinsamen Urgrund zurückzuführen. Die älteste naturphilosophische Vorstellung ist der dynamische Pantheismus, jene Weltanschauung, nach der „alles fließt“ und „alles eins“ ist: „Alles ist voll von Göttern“ (Thales).

 

Der erste klassische Philosoph war Sokrates aus Athen, dem das Orakel von Delphi weissagte, er sei der weiseste der Menschen. Nach eigenem Bekunden stand er in geistigem Kontakt mit einem Dämon, der ihm kosmisches Wissen zuraune und zur „Glückseligkeit“ (εὐδαιμονία) geleite. Weil die sokratische Philosophie eine Gefahr für die antike Polis darstellte, wurde Sokrates zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt.

 

Der Schüler von Sokrates war Platon. Dieser ließ sich in die heiligen Mysterien von Eleusis einweihen und entwickelte daraufhin seine Ideenlehre: Der vergänglichen physischen Welt des „Scheins“ (Abbild) stellte er eine ewige metaphysische Welt des „Seins“ (Urbild) gegenüber. Hoheziel des Philosophen sei es, in der Wesensschau die göttlichen Ur-Ideen geistig zu erkennen (unio mystica). Aristoteles wiederum, ein Schüler Platons, verfeinerte die Lehre später und konstatierte, dass die Ur-Ideen in den Dingen zu erkennen seien.

 

Philosophie war und ist immer auch eine praktische Philosophie: Mittels verschiedener Bewusstseinstechniken, Gnosis und Theurgia, Meditation und Inspiration, Ekstase und Enthusiasmus, versuchen Philosophen, andere Wirklichkeiten zu erfahren und erforschen.

 

Die Ideenlehre wird von traditionellen Naturvölkern bestätigt: Die Indianer Nord- und Südamerikas zum Beispiel überliefern, dass hinter (bzw. in) der materiellen Welt eine dem gewöhnlichen Bewusstsein verborgene Welt der Geister existiert, in der gleichsam die spirituellen Ursachen für die sinnlichen Zustände und Ereignisse liegen – die wahre Wirklichkeit. Aber auch die alten Europäer, Asiaten oder Aborigines kennen diese „Anderswelt“.

 

Traditionellerweise ist derjenige, der hinter den Schleier der Natur blickt, der Schamane, jener Ur-Philosoph, der seit der Steinzeit mit der Geistwelt kommuniziert: In der Trance wird er der transzendenten Welt gewahr. Der Schamane ist allein der Wortbedeutung nach ein Philosoph, nämlich ein „weiser Mann“ (tung. Šamán). Er ist ein praktischer Philosoph par excellence: Kraft einer archaischen Ekstasetechnik manövriert er seine Seele mit Bewusstsein durch die geistigen Sphären, um ewige Weltgesetze zu schauen und wahrhaftige Erkenntnis zu erlangen.