Thomas Höffgen

Ur-Germanistik 

„Unschätzbar ist das Verdienst dieser Männer

um germanische Altertumskunde“ (Heinrich Heine)

 

Die Germanistik ist eine Geisteswissenschaft, die sich mit der Geschichte und Kultur, Literatur und Sprache, Philosophie und Religion befasst, die im Bereich der „germanischen Sprachfamilie“ entstanden ist, insbesondere in Mitteleuropa und in Deutschland.  Die Fachbereiche erstrecken sich von der Indogermanistik und Altgermanistik über die Mediävistik und Linguistik hin zur neueren deutschen Literaturwissenschaft und Kulturanthropologie.

 

Im Bereich der Altertumskunde lässt sich die Germanistik bis auf den antiken römischen Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus zurückführen, der anno 98 in seiner Schrift Germania die Lebensweise der vorchristlichen Germanen beschrieben hat. Die Germanistik des Tacitus war eine Ethnographie der antiken Völker zwischen Alpenraum und Nordmeer.

 

Als akademische Disziplin entstand die Germanistik jedoch erst um 1800: Es waren die wohlbekannten Brüder Grimm, die sich erstmals mit der volkssprachlichen Überlieferung der mittel- und nordeuropäischen Kulturen auseinandersetzten, keine klassischen Philologen, sondern romantische Philologen, die sich erstmals mit dem germanischen Nibelungenlied und der nordischen Edda wissenschaftlich auseinandersetzten.

 

Die grimmsche Germanistik war eine Geistes- und Kulturwissenschaft, die neben philologischen auch volkskundliche und völkerkundliche Forschungen umfasste – die Europäische Ethnologie ist aus der Germanistik hervorgegangen. So zogen die Gebrüder durch die Lande auf der Suche nach den alten Märchen und Bräuchen, Sagen und Sitten, die vom Volk seit hunderten, ja tausenden von Jahren mündlich überliefert wurden. Vieles von dem, was sie gefunden haben, lässt sich auf uralte europäische und indoeuropäische Motive zurückführen.

 

Naturgemäß nahm die Germanenforschung eine zentrale Rolle ein: Die Grimms analysierten althochdeutsche Zaubersprüche, studierten nordische Runen und übersetzten eddische Heldenlieder. Jacob Grimm hielt Vorlesungen über Taciti Germania.

 

Heute zählt die Erstausgabe der grimmschen Volksmärchen – die „deutsche Edda“ – zum UNESCO-Weltkulturerbe: Es handelt sich um das auf der Welt zweitmeistgelesene und -verbreitete Buch der deutschen Kulturgeschichte. Ja, die Volksmärchen bilden heute wohl den letzten Rest literarischer Allgemeinbildung – sogar Hollywood hat „Brothers Grimm“ verfilmt.

 

Das Meisterwerk aber ist die dreibändige Deutsche Mythologie von Jacob Grimm, der Ur-Meter der Germanistik, in dem auf Grundlage volkstümlicher Überlieferungen, Geschichten und Gebräuche ein umfassendes Bild der südgermanischen Antike rekonstruiert wird.