Thomas Höffgen

Goethes Walpurgisnacht-Trilogie

 Heidentum, Teufeltum, Dichtertum

 

332 Seiten, Hardcover

ISBN: 978-3-631-66503-9

64,95 EUR

 

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Inhalt

In diesem Buch wird erstmals der werkübergreifende Walpurgisnacht-Komplex von Johann Wolfgang Goethe in seinem literarhistorischen, poetologischen und ideengeschichtlichen Gesamtzusammenhang erschlossen.

 

Dreimal hat sich Goethe im Laufe seines Lebens mit der Sage vom Hexensabbat auf dem Blocksberg poetisch auseinandergesetzt. Dennoch blieben die bisherigen Untersuchungen auf die zwei Walpurgisnacht-Szenen des Faust (1808/1832) beschränkt.

 

Thomas Höffgen leistet einen profunden Forschungsbeitrag zur weniger bekannten Ersten Walpurgisnacht (1799) und gelangt zu einer grundlegenden Neubewertung der weltberühmten Faust-Szenen.

Rezension

»Insgesamt ist [...] festzuhalten, dass Höffgens literaturwissenschaftliche Dissertation über Goethes Walpurgisnacht-Trilogie eine beachtenswerte Untersuchung darstellt, die immer wieder bewusst religionshistorische Felder und Forschungen aufgreift.«

 

Nicole Hausmann, in: Zeitschrift für junge Religionswissenschaft (12/2017)

 

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Das Interview zum Buch

RC:

 

Herr Höffgen, in Ihrem Buch erklären Sie: Goethe hat drei Texte über die Walpurgisnacht verfasst, und alle drei haben etwas miteinander zu tun, auch der erste. Dafür hat man Ihnen die Doktorwürde verliehen. Mit Verlaub: Das müssen Sie erklären.

TH:

 

Ich war ebenso verwundert, als ich auf diesen blinden Fleck der Forschung gestoßen bin. Es verhält sich in der Tat so, dass Goethe sich dreimal in seinem Leben dichterisch mit der Walpurgisnacht befasst hat, so oft wie mit keinem anderen Stoff, aber dies bis dato keine einlässliche Einzelstudie zur Folge hatte. Der Umstand wurde zwar hier und da mal angemerkt, zum ersten mal vielleicht schon bei Witkowski 1894, hat jedoch noch keinen der Gelehrten auf die vielversprechende Idee gebracht, dahinter ein geschlossenes Gesamtkunstwerk zu wähnen – eine „Walpurgisnacht-Trilogie“. Diesen Job hab ich dann dankend übernommen und bin dafür geadelt worden.

 

Den eigentlichen blinden Fleck, auf den Sie ja auch anspielen, stellt dabei die erstveröffentlichte der drei Dichtungen dar: Eine kleine Ballade aus dem Jahre 1799 mit dem bemerkenswerten Titel Die Erste Walpurgisnacht. Diese Dichtung, wiewohl sogar vertont von Felix Mendelssohn Bartholdy, ist in der Goetheforschung sträflich unbeachtet geblieben. Sträflich insofern, und ich möchte fast von einem philologischen Fauxpas sprechen, als dass sie doch allein dem Titel nach in direkter Beziehung steht zu den zwei Folgedichtungen, von denen wir hier sprechen, bei denen es sich nun jedoch um nicht weniger als absolute Klassiker der Weltliteratur handelt, nämlich die Walpurgisnacht und Klassische Walpurgisnacht aus Goethes Faust. Beiden Texte sind natürlich vielfach untersucht und auch aufeinander angewendet worden. Und doch ist nie zuvor Die Erste Walpurgisnacht in diese Analyse eingeflossen, eine Dichtung, die namentlich, thematisch und entstehungszeitlich in unmittelbarer Beziehung steht.

 

Aber das ist jetzt alles ziemlich fachwissenschaftlich.

 

RC:

 

Wie relevant sind ihre Thesen denn außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses? Oder anders gefragt: Muss ich ein Fachmann sein, um ihrer Untersuchung etwas abgewinnen zu können, oder kann auch ein Laie von ihr profitieren?

 

TH:

 

Ich habe meine Ergebnisse nicht als Sachbuch vorgelegt, sondern als Dissertation. Trotzdem sollte es nicht nur für Germanisten oder Goethefans interessant sein, sondern für jeden geisteswissenschaftlich Interessierten. Die Untersuchung ist interdisziplinär angelegt und bewegt sich insbesondere im Spannungsfeld von Philologie und Volkskunde, was dem Gegenstand geschuldet ist, weil die Walpurgisnacht ja Sagenstoff und Brauchtumstradition zugleich ist. Weitere Fachbereiche und Themenfelder sind: germanische Mythologie und romantische Altertumskunde, vorchristliche Magie und Mystik, antike und moderne Naturphilosophie, Dämonologie, Hexentheorie, Kirchen- und Ketzergeschichte. Freilich alles in Bezug gesetzt zu Goethes Walpurgisnächten.

 

RC:

Was macht die drei Texte denn nun besonders? Goethe – der laut Heine ein ausgemachter Heide gewesen sein soll – verdichtete wohl kaum aus Spaß einen beliebigen alten Aberglauben. Worum geht es in der Walpurgisnacht-Trilogie?

 

TH:

 

Das Besondere ist natürlich erst einmal die Qualität und poetische Kraft: Alle drei Texte sind hoch-ästhetisch und absolut lesenswert. Aber der Autor verfolgte nicht allein ästhetische Interessen, sondern auch geschichtsphilosophische: Das Besondere an der Walpurgisnacht-Trilogie ist, dass sie ideengeschichtlich strukturiert ist und nicht weniger als die letzten zwei, drei tausend Jahre abendländische Geistes-, Kultur- und Religionsgeschichte abbildet. In einem Brief an Mendelssohn schrieb Goethe einmal, seine Walpurgisnacht sei „weltsymbolisch intentioniert“.

 

Für Goethe war die Walpurgisnacht kein primitiver Aberglaube, sondern Symbol für weltanschauliche Paradigmenwechsel, die die europäische Zivilisationsgeschichte durch die Zeit bewegt haben und insbesondere Veränderungen in der Naturwahrnehmung betreffen.

 

Einstmals, in der goldenen Antike, lebten die Menschen harmonisch eingebettet im kosmischen Naturzusammenhang. Sie waren eins mit der Natur, eins mit Allem, und begingen hehre Jahreszeitenfeste, um die als durchgöttert wahrgenommene Natur zu ehren, zum Beispiel in der Nacht zum 1. Mai das Frühlingsfest. Doch das änderte sich. Im dunklen Mittelalter, mit dem Siegeszug des Christentums, empfand man die Natur nicht mehr als göttlich, sondern teuflisch, und die Frühlingsfeier wurde umgedeutet zu einem Satanskult und Hexensabbat. Eine Umwertung der Werte. In der frühen Neuzeit, die Zeit der Hexenverfolgung, predigten Gelehrte, dass die ganze Natur ein Spiegelbild des Sündenfalls sei, zum Beispiel Martin Luther, der übrigens auch den historischen Faust des Teufelspakts bezichtigte. Die Aufklärung konnte zwar den Teufelsaberglauben überwinden, tat zugleich jedoch ihr Übriges zur weiteren Entzauberung der Welt.

 

Natürlich klingt da der „große Heide Goethe“ durch, wie Heine ihn genannt hat. Tatsächlich hat sich Goethe selbst mehrfach als „alter Heide“ bezeichnet. Und als „dezidierter Nichtchrist“.

 

RC:

Goethe unterstellt der Kirche also, in einem jahrtausendelangen Prozess die kulturelle Identität, das pantheistische Weltbild der abendländischen Urbevölkerung unterjocht zu haben, indem sie zentrale Begriffe und Elemente daraus verteufelte, also als böse, schlecht und sündhaft brandmarkte. Das klingt nach einem gewaltigen Komplott - war Goethe am Ende nicht nur ein großer Heide, sondern auch ein großer Verschwörungstheoretiker?

 

TH:

 

[Lacht] Goethe war ja auch Freimaurer und Okkultist, von daher passt das schon. Aber im Ernst: Goethe sprach nicht von einer Verschwörung, und auch meine These und Terminologie ist das nicht. Aber man muss auch gar nicht von einer Verschwörung reden, weil sich Goethes Darstellung – vom Heidentum zum Teufeltum – konkret-historisch nachweisen lässt. Tatsächlich zeichnet sich der Dichter hier als knallharter Geschichtsaufklärer aus. Keine Verschwörung, sondern Realität.

 

Die Erste Walpurgisnacht beginnt mit einer Gruppe naturreligiöser Germanen, die in der Walpurgisnacht eine pantheistische Naturgottheit verehrt: „Begeht den alten heil'gen Brauch, / Allvater dort zu loben!“ Dabei ist „Allvater“ ein altbekannter Beiname des germanischen Hauptgottes Wotan. Nun wird diese Zeremonie jedoch jäh unterbrochen von den sogenannten „dumpfen Paffenchristen“, die die Heiden mit „harten Gesetzen“ drangsalieren und „schlachten“. Goethe spielt hier auf tatsächliche Ereignisse zur Zeit der mittelalterlichen Sachsenkriege an, in deren Verlauf der katholische Frankenkönig Karl der Große harte Gesetze gegens Heidentum diktierte und auch nicht vor Massenmord zurückschreckte, man denke an den berühmten 'Tag von Verden'. Die Pointe der Ballade ist, ein wenig zugespitzt, dass die Pfaffenchristen den „Allvater“ mit ihrem „Teufel“ gleichsetzen, eine Identifikation, die im Altsächsischen Taufgelöbnis aus dem 8. Jahrhundert wörtlich überliefert ist. Damit ist der Paradigmenwechsel von der Verehrung zur Verachtung der Natur vollzogen.

 

Dass ein solcher Wechsel wirklich stattgefunden hat, kann man schon bei Heine oder Grimm nachlesen. In jüngerer Vergangenheit hat Ginsburg ähnliches zum Hexensabbat vorgebracht. Die Götter der Germanen oder auch Griechen standen häufig Pate für die christliche Vorstellung vom Teufel, zum Beispiel der hellenische Hirtengott Pan und die Satyrn, eigentlich ganz nette Götter der Natur und Wildnis. Der Name Pan lässt sich übrigens als „All“ übersetzen: Auch der griechische Allvater ist also zum Teufel degradiert worden, zum christlichen Diabolos. Deshalb heißt es in Goethes Klassischer Walpurgisnacht: „Vom Harz bis Hellas immer Vettern“.

 

RC

Lassen Sie uns die Vetternschaft der Teufel noch einen Moment nach hinten Stellen und bei den Gründen und Urhebern des Verteufelungsprozesses bleiben – wie kann ich mir die vorstellen? Wenn es sich um keine Verschwörung gehandelt hat, der Prozess also nicht geplant, koordiniert und willentlich von einer religiösen und/oder politischen Elite durchgeführt wurde – einer, der zum Beispiel Karl angehört haben könnte –; wenn es nicht das war, war es dann am Ende nur eine Verkettung unglücklicher Umstände? Ein Selbstläufer? Das Resultat einer frömmelnden Pfaffenchristenhorde, die mit Schwert und Weihrauch gegen das Böse kämpfte, weil sie es nicht besser wusste?

 

TH:

 

Zugegebenermaßen, nach dieser Definition könnte man von einer Verschwörung sprechen. Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass die Praxis, die Heidengötter umzudeuten, System hatte und ein gezielt eingesetzter Bestandteil der Missionierungsmethode war. Das erkennt man etwa daran, dass Heidengötter, die sich nicht so leicht in teuflische Gestalten umdeuten ließen, gütige Heidengötter, von den Missionaren kurzerhand zu Kirchenheiligen umgedeutet wurden. Hauptsache christlich vereinnahmt. Das beste Beispiel dafür ist natürlich die Walburga, nach der die Walpurgisnacht benannt ist, angeblich eine christliche Äbtissin, in Wirklichkeit wohl aber eine heidnische Priesterin vom germanischen Stamm der Semnonen.

 

Von konkreten Urhebern zu reden, wäre vielleicht mühsam. Das Christentum ist eine missionierende Religion. Der Missionsbefehl beziehungsweise Taufbefehl wird im Neuen Testament erteilt. Schon der Urchrist Paulus von Tarsus aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert folgte dem Befehl und predigte den antiken Griechen, dass diese Götzendiener seien. Aber wenn Sie schon nach einem elitären Zirkel fragen: Natürlich pflegte Karl beste Beziehungen zum Papst. Am Weihnachtstag des Jahres 800 wurde er von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt. Ein Bündnis zwischen politischer und kirchlicher Macht. Zu solchen Themen kann ich Gottfried Arnolds Unparteyische Kirchen- und Ketzerhistorie empfehlen. Goethe hat das auch gelesen.

 

RC:

 

In Ihrem Buch schreiben Sie sogar, Arnolds Werk hätte einen „denkbar großen Einfluss“ auf Goethe gehabt, gerade im Hinblick auf „Die Erste Walpurgisnacht“. Inwiefern?

 

 

TH:

 

Das schreibe nicht ich, sondern Goethe selbst, nämlich im 8. Buch von Dichtung und Wahrheit. Er erwähnt das Buch, wenn er erklärt, woraus sich seine „eigene Religion“ zusammensetzt: Neuplatonismus, Mystik und so weiter. Die Stelle endet mit dem berühmten pantheistischen Lucifer-Mythos.

 

Gottfried Arnold, geboren übrigens 1666, war ein deutscher Protestant und Pietist, ein gläubiger Christ und Theologe, aber auch ein radikaler Frühaufklärer und radikaler Kirchenkritiker. Das macht ihn so glaubwürdig, weil er sozusagen „von innen heraus“ kritisiert. In dem besagten Buch nun stellt Arnold die Geschichte der christlichen Kirche als Verfallsgeschichte dar und tritt auf als „Anwalt aller Ketzer“.

 

Goethe ergötzte daran am meisten, und ich zitiere, „daß ich von manchen Ketzern, die man mir bisher als toll oder gottlos vorgestellt hatte, einen vorteilhafteren Blick erhielt“. Zu diesen vermeintlichen Ketzern zählen auch die Heiden, von denen Die Erste Walpurgisnacht erzählt: Die Zwangschristianisierung der Germanen durch Karl den Großen wird bei Arnold ausführlich und ungeschönt beschrieben, und Goethe hat diese kirchenkritische Rhetorik übernommen und in Dichtung übersetzt.

 

 

RC:


In der Walpurgisnacht-Szene des Faust I ist von derlei Kirchenkritik auf den ersten Blick nicht mehr viel übrig. Ganz im Gegenteil begegnet uns hier das christlich geprägte Stereotyp der Walpurgisnacht als teuflischer Hexensabbat. Ist der „alte Heide“ Goethe zwischenzeitlich doch zum frommen Christen avanciert?

 

TH:

 

Das muss man differenziert betrachten:

 

Es stimmt, dass Goethe im Faust I eine stereotype Walpurgisnacht nach christlichem Vorbild inszeniert: mit fliegenden Hexen, Teufelstanz und Hexenorgie sowie dem Satan obenauf. Als Muster dienten ihm vor allem frühneuzeitliche Hetzschriften christlicher Gelehrter und selbsternannter Hexentheoretiker, Schriften, die in direktem Zusammenhang stehen mit der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung, die im Grunde nur eine Fortsetzung der mittelzeitlichen Heidenverfolgung war. Auf Grundlage dieser Texte, einige Passagen stimmen in Details überein, hat Goethe einen Hexensabbat inszeniert, wie er im frühneuzeitlichen Kirchenbuche stehen könnte.

 

Kirchenkritisch ist das dennoch, und dies ist eine Schlüsselstelle meiner Untersuchung, weil dieser christliche Klischee-Hexensabbat nur an der Oberfläche der Walpurgisnacht existiert. Im Subtext dieser Szene aber, sozusagen zwischen den Zeilen, offenbart sich etwas, das der Goetheforschung bislang verborgen blieb: Goethes weltberühmte Walpurgisnacht-Szene ist eine teuflische Komödie, eine Karikatur vom frühneuzeitlich-christlichen Hexensabbat, eine Satire. Das Stilmittel der Wahl ist die Hyperbel, die Übertreibung: Die Walpurgisnacht ist ein hyperstilisierter Hexensabbat, in dem mehr Hexen ihr Unwesen treiben als in den schlimmsten Albträumen orthodoxer Christen. Eine lustige, bissige Art der Kirchenkritik.


RC:

 

Sie behaupten also, nach fast 200 Jahren Goetheforschung eine zweite Ebene in der weltberühmten Walpurgisnachtszene entdeckt zu haben – woran machen Sie Ihre Satirethese fest? Und wie kann es sein, dass vor Ihnen niemand auf diese Möglichkeit aufmerksam geworden ist?

 

T.H.

 

Ein gewisses komödiantisches Element dominiert die Szene von Anfang an: Die Hexen, die auf Besen, Gabeln, Böcken und so weiter zum Blocksberg fliegen, sind keine Teufelsschar, sondern eine Narrentruppe. Sie sind nicht angsteinflössend, sondern lachhaft: Sie „furzen“ und „stinken“ und ihre Besen „kratzen“. Der Einsatz der Hyperbel wird unterhalb des Brockengipfels ausgenscheinlich, wo es derart überfüllt ist, dass sogar Mephistopheles „aus dem Gedräng“ entweichen muss: „Es ist sogar zu toll, sogar für meinesgleichen“. Sogar dem Teufel wird es zu heiß auf Goethes hyperstilisiertem Hexensabbat.

 

Der eigentliche Höhepunkt der Satire ist aber, dass es überhaupt keinen Höhepunkt gibt: Denn zum Brockengipfel, dorthin, wo der eigentliche Satanskult stattfindet, schaffen es Faust und Mephistopheles ja gar nicht. Sie verharren – und mit ihnen der Leser – unterhalb des Brockengipfels. Inszeniert wird ein Satanskult ohne Satan. Das finde ich schon ziemlich komisch.

 

Was hat Goethe sich dabei gedacht? Tatsächlich hat er diese Satansszenen, also die Gipfelereignisse, ursprünglich zu Papier gebracht, jedoch kurz vor Druck des Faust wieder herausgestrichen. Diese Szenen sind übrigens recht hart, derbe bis obszön und total lesenswert. In der Goetheforschung hat man bisher keine befriedigende Erklärung dafür finden können, dass die Satansszenen aus dem Faust herausgefallen sind, wenngleich es viele Thesen gibt: Zeitmangel, moralische, ästhetische oder dramaturgische Bedenken. In meiner Untersuchung komme ich zu dem Schluss, dass es sich bei diesem Schnitt um einen poetischen Schachzug Goethes handelt, um das Stereotyp vom Hexensabbat topografisch ad absurdum zu führen. Ganz bewusst bricht hier der Dichter mit der Sabbatliturgie, um die Imagination vom Satanskult in der Walpurgisnacht kirchenkritisch aufs Korn zu nehmen.

 

Eine Schlüsselrolle bei meiner Deutung der Walpurgisnacht als Satire spielt der nachfolgende Walpurgisnachtstraum. Diese Szene ist – da sind sich alle einig – als Satireszene zu verstehen, mit durchaus kirchenkritischer Tendenz. Jedoch werden beide Szenen meistens voneinander abgegrenzt und isoliert betrachtet, obwohl es viele Hinweise gibt, dass sie in Beziehung stehen. In meiner Untersuchung lese ich Walpurgisnacht und Traum, ein wenig zugespitzt, als eine einheitliche Szene, eine großangelegte Satireszene. Deshalb rede ich ja auch von einer Trilogie, nicht Tetralogie.

 

RC:

Lassen Sie uns an dieser Stelle zum dritten Teil der Trilogie springen, den Sie vorhin schon in einer Ihrer Antworten gestreift haben: In der Klassischen Walpurgisnacht des Faust II dichtet Goethe den alten Göttern eine Vetternschaft „vom Harz bis Hellas“ an – das ist eine weite Strecke. Wie kann er sich ihrer Verwandtschaft so sicher sein? Und ist es nicht ein wenig zu romantisierend, von verwandten Göttern auf einen paneuropäischen Walpurgisnachtkult zu schließen?

 

TH:

 

Eine griechische Walpurgisnacht, wie Goethe sie in seiner Klassischen Walpurgisnacht inszeniert, ist natürlich ahistorisch. Dazu gibt es keine Quellen. Dennoch macht die Sache Sinn: Ethnologische Phänomene, die sich mit der germanischen Maifeier vergleichen lassen, findet man überall auf der Welt, in allen möglichen Kulturen und zu alten Zeiten, zum Beispiel das keltische Beltane oder die antiken Dionysien, womöglich gab es solche Jahreszeitenfeste schon in der Steinzeit. Goethe hat vor allem frühgriechische Mysterienkulte eingebaut: Eleusis, Delphi und antike Orphik. Geschichte reimt sich, wie Mark Twain mal sagte, auch Kulturgeschichte. Nun hat Goethe mitgereimt.

 

Romantisch ist das in der Tat: Es waren Frühromantiker, vor allem Herder und Schlegel, die in poetologischen Fragmenten forderten, dass die zeitgenössischen Poeten alte Mythen aufgreifen und mit schöpferischer Hand neu gestalten sollen, und zwar pantheistisch. In der Klassischen Walpurgisnacht hat Goethe genau das getan, einen alten Sagenstoff mythopoetisch aufgearbeitet und pantheistisch neugeschrieben.

 

Manche mögen irritiert sein, wenn ich sage, dass die Klassische Walpurgisnacht romantisch ist, weil sie ja allein dem Namen nach klassisch ist – und Klassik und Romantik oft als Gegensätze aufgefasst werden. Mittlerweile geht man jedoch dazu über, diese parallel verlaufenden geistesgeschichtlichen Strömungen zusammenzufassen zu einer „klassisch-romantischen Epoche“. Und tatsächlich hatte Goethe erste Skizzen seiner Szene unter dem Titel „klassisch-romantische Phantasmagorie“ angefertigt. Dramatisch dargestellt wird diese Verbindung in der heiligen Hochzeit zwischen dem romantisch-germanischen Faust und der klassisch-griechischen Helena.

 

RC:

 

Aber wie passt denn der mittelalterliche Teufel Mephisto in eine Walpurgisnachtszene des antiken Griechenlands? Eine hellenisch-mediävistische Epoche hat es sicher nie gegeben …

 

TH:

 

Der findet natürlich keinen Anschluss. Er existiert ja quasi gar nicht im vorchristlichen Hellas. Er findet sich „ganz und gar entfremdet“ und sagt wörtlich: „Das Heidenvolk geht mich nicht an“. Er versucht zwar ein paar thessalische Hexen aufzureißen, doch die lassen ihn abblitzen und schimpfen ihn einen „eingedrungenen Hexensohn“. Die heidnischen Naturgeister können mit dem christlichen Teufel nichts anfangen.

 

RC:

 

Ganz im Gegensatz zum satirischen Hexensabbat im Faust I – da scheint sich Mephisto reichlich wohl zu fühlen, schließlich „ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus“, wie Goethe ihn sagen lässt. Dass der Dichter den europäischen Heiden seinen Teufel geradezu auf die Nase bindet, fügt sich in das satirische Konzept der Szene. Doch wie steht es um den hellenischen Sabbat – begegnet uns Goethe hier im Gewand des „knallharten Geschichtsaufklärers“, wie Sie ihn weiter oben genannt haben, oder abermals als Satiriker? Ein phantastischer Sabbat, bei dem der Teufel von ein paar Zauberinnen von der Bettkante gestoßen wird, klingt nun auch nicht unbedingt, als hätte Goethe einen Besenstiel verschluckt.

 

TH:

 

Die Klassische Walpurgisnacht ist ahistorisch, ergo Goethe hier auch kein Geschichtsaufklärer. Ganz im Gegenteil: Er verklärt die Geschichte. Goethe ist hier sehr romantisch, formal und inhaltlich, und fantasiert von einer fruchtbaren Vereinigung von griechischer und germanischer Mysterienkultur respektive Ästhetik. Satirisch ist die Szene überhaupt nicht, sondern schwärmerisch. Sie ist nicht mephistophelisch-destruktiv, sondern – mit Goethes Worten – „dämonisch-produktiv“.

 

Und zu jedem Hexenfest gehört ja eine Hexenorgie. Im Faust I ist diese Orgie eher sinnlich-derbe sexualisiert, animalisch-teuflisch, da kommt ein ithyphallischer Mephistopheles gut an. Die Klassische Walpurgisnacht ist vielmehr vergeistigt erotisiert. Hier bleibt Mephisto ausgeschlossen, weil ihm die Idee der Liebe fremd ist. Der dämonische Herrscher ist kein geiler Bock, sondern der Liebesgott Eros, der seit Platon mit der Wesensschau und Welterkenntnis assoziiert wird. Und während unterirdisch Faust und Helena zusammenkommen, übereinkommen, Symbol für pantheistische Schöpfungsprozesse im Inneren der Welt, ereignet sich an der Oberfläche eine feurig-fulminante Liebeshochzeit sämtlicher Elementarkräfte und Naturphänomene, eine naturorgiastische heidnische Walpurgisnacht-Orgie, bei der der Christenteufel nicht zum Schuss kommt.

 

RC:

 

Doch angesichts Goethes Rolle als Kritiker und Aufklärer scheint mir bei aller Lust und Phantasie auch in der Klassischen Walpurgisnacht ein ganz ernstes Ansinnen zu liegen. Sprechen aus seinen Zeilen nicht Herder, Schlegel und Konsorten, die sagen: Verzaubert euch die Welt – ganz so, wie Goethe es euch hier vormacht?

 

TH:

 

Goethes klassisch-romantische Walpurgisnacht trägt einen aufklärerischen Kern. Sie ist dann doch geschichtsaufklärerisch, aber nicht im Sinne einer retrospektiven Betrachung, sondern einer prospektiven. Die Klassische Walpurgisnacht ist nicht auf die Vergangenheit, sondern Gegenwart und Zukunft ausgerichtet: Nur scheinbar wird hier die Walpurgisnacht in die „goldene Antike“ zurückgeführt. Tatsächlich wird sie in die goethezeitliche Moderne und potenzielle „goldene Zukunft“ überführt. Hier spielen altheidnische Mythen eine ebensolche Rolle wie der moderne Spinozismus sowie alle möglichen zeitgenössischen Diskurse.

 

Heinrich Heine schrieb einmal, dass Goethes Heidentum „wunderbar modernisiert“ sei. In der Klassischen Walpurgisnacht wird dieses „modernisierte Heidentum“ poetisch manifest.

 

Und Zukunftsszenarien, in der poetische Propheten und Orpheusse die wunderbare Welt beherrschen, kennen wir aus der Romantik. Auch Goethe zaubert eine solche Welt herbei, und die Hauptfigur des Dramas, Faust, tritt auf als ein romantischer Erkenntniskrieger auf dem Weg zur mystischen Union, nach Eleusis. Trotzdem verlässt die Klassische Walpurgisnacht nicht vollends den Boden aufgeklärter Grundgedanken. Griechenland ist ja das Land des Mythos und des Logos.

 

Zusammen mit Herder hat Goethe, der ja auch Naturwissenschaftler war, das Konzept einer „pantheistischen Moderne“ entworfen. Man spricht in dem Zusammenhang von einer „heiligen Revolution“. Das Konzept besteht darin, vereinfacht gesagt, Religion und Naturwissenschaft wieder zu vereinigen, wenn man so will Romantik und Aufklärung zu synthetisieren, auch dafür steht die heilige Hochzeit am Ende dieser inkommensurablen Szene.

 

In der Klassischen Walpurgisnacht wird der Pantheismus als eine ganzheitliche physikalische Naturtheologie poetisiert. Das ist aufgeklärter Zauber: Naturphilosophen handeln Schöpfungstheorien ab. Ein chemisch hergestellter Homunkulus überbrückt die Grenze zwischen Materialismus und Idealismus. Die sämtlichen Dämonen, die die Szene dominieren, monadische Elementarkräfte, verkörpern Phänomene der Natur bzw. metaphysische Prozesse im Mikrokosmos, aus denen dann die Mannigfaltigkeit des Makrokosmos hervorgeht. Das ist mystische Evolutionstheorie, wenn man so will.

 

RC:

 

Wollte Goethe mit seiner Trilogie also nicht nur Geistes-, Kultur-, und Religionsgeschichte abbilden, sondern auch gestalten?

 

TH:

 

Das ist meine These: In der Ersten Walpurgisnacht hat Goethe eine altheidnische Ur-Walpurgisnacht rekonstruiert sowie die mittelzeitliche Verteufelungsgeschichte abgebildet, in der Walpurgisnacht des Faust I die Vorstellung vom frühneuzeitlichen Hexensabbat kirchenkritisch karrikiert. Nun, in der Klassischen Walpurgisnacht, gibt Goethe nicht Geschichte wieder, sondern greift eigenmächtig ein in die Geschichte und schreibt sie fort mit schöpferischer Hand. Historisch betrachtet, ist die Walpurgisnacht vergangen, verteufelt und vertilgt. Doch was im Leben untergeht, so Schiller, soll im Gesang unendlich leben. Ein solcher Gesang ist die Klassische Walpurgisnacht. Mithin die ganze goethesche Walpurgisnacht-Trilogie: von der heidnischen Antike in die christliche Frühneuzeit hin zur pantheistischen Moderne. Das werte ich als Beitrag zur Ideengeschichte – die Wiedergeburt der Walpurgisnacht aus dem Geiste der Poesie Johann Wolfgang Goethes.

 

RC:

 

Ich bedanke mich für das Gespräch!

 

Das Interview führte Renan Cengiz (4/2016).