Thomas Höffgen

Eine Spirituelle Ökologie aus dem Geiste J. W. Goethes

 

 

Eine ökologische Bewegung, die derzeit in den USA für Furore sorgt, heißt „Spirituelle Ökologie“ und tritt für einen ganzheitlichen Umweltschutz ein, der auch Geistiges in der Natur berücksichtigt. Ähnliche Ansätze gab es vor ein-, zweihundert Jahren aber auch schon in Europa im Dunstkreis Goethes und des naturphilosophischen Goetheanismus. Eine geistesgeschichtliche Betrachtung.

 

 

Was ist „Spirituelle Ökologie“?

Anhänger einer spirituellen Ökologie sind davon überzeugt, dass die große ökologische Krise unserer Zeit im Wesentlichen dem modernen materialistischen Weltbild geschuldet ist, das in der Natur nur mehr nutzbare Ressource und unbeseelten Rohstoff wahrnimmt. Sie fordern eine völlig neue Geisteshaltung gegenüber dem gesamten Kosmos, die auch metaphysische Gedanken und Gefühle in den ganzheitlichen Umweltschutz miteinbezieht, der eigentlich eher eine aktive „Liebe zur Natur“ darstellt: Der spirituellen Ökologie liegt ein bio-theo-philes Umweltbewusstsein zugrunde, das den „Geist in der Natur“ erkennt und diesen gar als „heilig“ oder „göttlich“ wahrnimmt.

 

Wesentlich ist die Kritik am naturwissenschaftlichen „westlichen“ Weltbild mechanizistischer Prägung, das in den letzten dreihundert Jahren die Natur endgültig entzaubert und zur toten Materie degradiert habe. Die Gegenentwürfe orientieren sich vor allem an den indigenen Traditionen aus Amerika oder Fernost, ethnischen Religionen, animistischen Philosophien und alternativen Wissenschaften. Das moderne Europa hingegen wird eher negativ beäugt, nicht verwunderlich angesichts der Tatsache, dass dieser heute hochindustrialisierte Kontinent zu den größten Umweltsündern des Planeten zählt.

 

Die Erde sei „in Bedrängnis“ – ein „lebendes Wesen in Not“ –, „weil wir ihre heilige Natur vergessen haben, die auch unsere eigene heilige Natur ist“, heißt es in der Einleitung eines der Hauptwerke der Bewegung, dem Essay-Band Spirituelle Ökologie (dt. 2015; engl. 2013), herausgegeben von Llewellyn Vaughan-Lee. Nun sei eine Wiederverbindung „zwischen unserer Seele und der Seele der Welt“ vonnöten sowie die Erinnerung des „Wissens, dass alle Teil eines einzigen lebendigen und spirituellen Wesens sind“. Dann folgen zwanzig individuelle Beiträge spiritueller Akteure aller Couleur, ein Indianerhäuptling, ein buddhistischer Mönch, ein Sufi-Lehrer und so weiter, auch Wissenschaftler sind vertreten, um dem Anspruch eines ganzheitlichen Ansatzes gerecht zu werden. Indes fällt auf, wie wenig Europäer in dem Buch vertreten sind; aus Deutschland stammt gar kein Beitrag.

 

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