VOLKSPOESIE

Von grimmschen Märchen,

germanischen Mythen und

den Gesängen der Naturvölker

 

192 Seiten, 4 Abbildungen

Hardcover, 14,8 x 21 cm

ISBN 978-3-946425-70-0

14,00 EUR

 

Bestellen beim Verlag oder bei Amazon


Die von den Gebrüdern Grimm im 19. Jahrhundert gesammelte Volkspoesie – Götterlieder, Zaubermärchen und Dämonensagen – zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Gründungsväter der Germanistik gingen davon aus, dass die volkstümliche Dichtung auf uralte Überlieferungen der europäischen Naturvölker zurückgehe, insbesondere die Mythen und Rituale der Germanen. Von der modernen Forschung wurden derlei Theorien jedoch grundsätzlich verworfen: Nichts von alledem sei wirklich alt oder authentisch, sondern das phantastische Produkt romantischer Gelehrter.

Dr. Thomas Höffgen, Philologe und Volkskundler, untersucht die alten Texte neu und gelangt zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass vielerlei Folklore fürwahr aus jener Zeit stammt, die „einmal war“.



VOLKSPOESIE

In: Pulsar, Nr. 9/2019.

 

Götterlieder, Zaubermärchen und Dämonensagen - die von den Gebrüdern Grimm gesammelte Volkspoesie zählt zum UNESCO-Weltklulturerbe.

 

Wer kennt sie nicht, die wundersamen Erzählungen von Hänsel und Gretel, Frau Holle und Dornröschen, die geheimnisvollen Geschichten von Hexen, Waldschraten und Trollen, die uns einen to tiefen Einblick in die andersweltliche Wirklichkeit ermöglichen?

 

Die Gründungsväter der Germanistik - die Grimms - gingen davon aus, dass die volkstümliche Dichtung auf uralte Überlieferungen der europäischen Naturvölker, insbesondere die Mythen und Rituale der Germanen. Von der modernen Forschung wurden derlei Theorien jedoch grundsätzlich verworfen: Nichts von alledem sei wirklich alt oder authentisch, sondern das phantastische Produkt romantischer Gelehrter.

 

Dr. Thomas Höffgen, Philologe und Volkskundler, untersucht die alten Texte neu und gelangt zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass vieleleri Folklore fürwahr aus jener Zeit stammt, die "einmal war".


Klärende Aufarbeitung (2019)

Mit freundlicher Genehmigung von Markus Eck, der das Interview für den Sonic Seducer geführt hat, Printausgabe: Okt. 2019, 26. Jahrg., 10/19, Books Special, S. 145. Online unter: Sonic-Seducer.de

 

In seiner Eigenschaft als leidenschaftlicher Germanist fühlt sich Dr. phil. Thomas Höffgen auch der Tradition der weltberühmten Brüder Grimm verbunden, wie er mit seinem neuen Buch „Volkspoesie“ darlegt. Schließlich beinhalten die grimmschen Märchen nicht wenig von germanischer Altertumswissenschaft, wie der innig Naturverbundene im aktuellen Werk auf lesenswerte Weise offenbart. 2017 publizierte Höffgen den ebenso seriösen Buchvorgänger „Schamanismus bei den Germanen“.

 

- Wie gut kam dein vorhergehendes Buch "Schamanismus bei den Germanen - Götter, Menschen, Tiere, Pflanzen“ an - bzw. wurde es wie gewünscht von den Leuten aufgenommen & auch verstanden?

 

Das Buch ist gut angekommen und 2019 in die dritte Auflage gegangen. Es hat sich zu so etwas wie einem „Longseller“ entwickelt, wenn man davon nach rund zweieinhalb Jahren schon sprechen kann. Die Rückmeldungen lassen darauf schließen, dass es auch verstanden wird. Viele Leute haben sich bedankt.

 

- Wann, wie und warum entstand die Idee zum Buchthema deines neuen Werkes?

 

Als Germanistik-Student hat man mir nüchtern beigebracht, dass die volkstümlichen Überlieferungen gar nicht aus einer Zeit stammen, die „einmal war“. Dies sei eine philologische Finte der Romantiker gewesen, eine Lügengeschichte der Gebrüder Grimm.

 

Nach meinem Studium, als Doktorand und Dozent am germanistischen Institut der Universität Bochum, wollte ich es genau wissen, habe mich dem Thema eigenständig angenommen, viel geforscht, ein Seminar gegeben; die „Volkspoesie“ war sogar Gegenstand meiner Disputation.

 

Um es kurz zu machen, meine Forschungsergebnisse widersprechen der etablierten Lehrmeinung vehement und bekräftigen die alten Theorien der Gebrüder Grimm: Viele Volksmärchen lassen sich eindeutig mit germanischen Göttergeschichten verbinden, zahlreiche Volksbräuche gehen auf archaische Naturrituale zurück. „Und sie hatten doch recht“, könnte auch der Titel meines neuen Buch lauten.

 

- Was ist dein stärkster Antrieb für das tiefe, profunde Beschäftigen mit der im neuen Buch vorgestellten, recherchierten Thematik?

 

Dieses Thema betrifft immerhin die Grundsäulen der Germanistik - die Brüder Grimm sind ja die „Gründungsväter der Germanistik“. Sie haben sich als erste wissenschaftlich mit der Folklore des Mittelalters und der germanischen Antike auseinandergesetzt, mit heidnischen Geschichten und Gebräuchen. Die frühgermanistische Forschung der Grimms war im Grenzbereich von Philologie und Volkskunde/Europäische Ethnologie angesiedelt. Als Germanist sehe ich mich diesem Fachverständnis und diesem Forschungsgegenstand gewissermaßen verpflichtet.

 

Davon abgesehen, fühle ich mich von Märchen und Mythen geradezu magisch angezogen. Ich denke, wenn man sich wirklich auf sie einlässt, können sie einen Einblick gewähren in die animistische Weltanschauung vormoderner Völker und archaischer Kulturen, nicht nur der Germanen, sondern der Naturvölker Europas und der ganzen Welt - Märchen sind schamanische Wirklichkeit.

 

- Inwieweit weiß der Großteil der heutigen Gesellschaft deiner Ansicht nach über ‚unsere’ Märchen & Mythen noch Bescheid? Könnte man lapidar sagen: 'Märchenbücher werden noch immer allzu gerne verkauft, aber mehr wird den Leuten darüber hinaus auch nicht vermittelt‘?

 

Die grimmschen Kinder- und Hausmärchen zählen zu den weltweit meistverkauften Büchern überhaupt und zählen zum UNESCO-Weltkulturerbe. Man könnte sogar sagen, die Märchen sind der letzte Rest literarischer Allgemeinbildung in unserer Gesellschaft. Sogar Hollywood hat „Brothers Grimm“ verfilmt.

 

Andererseits ist die Beschäftigung damit äußerst oberflächlich: Weitverbreitet ist die Vorstellung, die Grimms hätten diese Texte selbst geschrieben, weitverbreiteter die Vorstellung, es handele sich um primitive Kinderfantasien. Tatsächlich haben wir es mit jahrtausendealten Überlieferungen zu tun, die eine magische Weltanschauung offenbaren, welche in der Menschheitsgeschichte einen weit größeren Platz einnimmt als etwa der moderne Vernunftglaube.

 

Aber auch die moderne Märchenforschung dreht sich m. E. im Kreis und lässt neuere Erkenntnisse, die womöglich alte Theorien bestätigen, im Grunde gar nicht mehr zu. Zum Beispiel hat die emeritierte Germanistik-Professorin Erika Timm noch im 21. Jahrhundert sprachgeografisch geltend gemacht, dass es sich bei der aus dem Märchen wohlbekannten Figur Frau Holle um eine Zentralfigur der germanischen Mythologie handelt, nämlich die Ehefrau des germanischen Göttervaters Wotan, Frau Wode, wie es schon die Grimms behauptet hatten. Von der modernen Märchenforschung wird diese unerwünschte Einsicht allerdings unter den Teppich gekehrt.

 

- Bitte berichte über die hauptsächlichen Inhalte des neuen Buches!

 

Zuerst möchte ich anmerken, dass mein Buch mitnichten nur für Akademiker geschrieben ist, ganz im Gegenteil. Ich mag es nicht, wenn Sachbücher so verklausuliert und fachsprachlich ausfallen, dass sie niemand mehr versteht.

 

Es sollte für jeden etwas dabei sein, beginnend mit einer allgemeinen Einführung in die verschiedenen Formen der Volkspoesie: Lied, Märchen, Sage, Schwank, Legende, Fabel, Volksbuch. Was ist „Volkspoesie“ überhaupt und wie lässt sie sich von der „Kunstpoesie“ unterscheiden? Was hat es mit der Märchenwelt auf sich, mit den Märchenwesen? Dabei taucht man ein in die wundersame Weltanschauung der romantischen Germanisten, Herder, Goethe, Novalis, Grimm. Aber auch der alten europäischen Naturvölker, Germanen, Griechen, Slawen, der alten Indoeuropäer und steinzeitlichen Schamanen.

 

Das Buch orientiert sich an den drei zentralen Fachbegriffen der frühgermanistischen Forschung, Urpoesie, Naturpoesie und Nationalpoesie, greift die damit zusammenhängenden Theorien wieder auf, rund 200 Jahre nach den Brüdern Grimm, und versucht diese auf Grundlage neuster Erkenntnisse unvoreingenommen wiederzubeleben.

 

Mit dem Begriff „Urpoesie“ ist die Vorstellung verbunden, dass sich die oral tradierte Volkspoesie auf die Mythen und Rituale der Urvölker Europas zurückführen lasse, insbesondere der Germanen. – Tatsächlich lassen sich etwa Frau Holle, Dornröschen, Hänsel und Gretel, der wilde Jäger und sogar der Bi-Ba-Butzemann eindeutig mit den Geschichten und Gebräuchen der Germanen in Verbindung bringen.

 

Mit der Bezeichnung „Naturpoesie“ ist die Vorstellung verbunden, dass sich die anonyme Volkspoesie quasi „von selbst“ geschrieben habe und letztendlich göttlichen Ursprunges sei. – Tatsächlich lässt sich diese irrational anmutende These verifizieren, wenn man sie vor dem Hintergrund zeitgenössischer Philologie und Poetologie sowie unter Berücksichtigung des romantischen Sprachgestus dechiffriert.

 

Mit dem Begriff „Nationalpoesie“ ist die Vorstellung verbunden, dass die weitbeschreyte Volkspoesie die Eigenart einer Ethnie spiegle, was sich in Sonderheit an der Sprache festmachen lasse. – Tatsächlich wurde diese Theorie in der NS-Zeit faschistisch korrumpiert, wohingegen doch die ersten Germanisten einen internationalen und dezidiert humanistischen Ansatz verfolgten.

 

- Wie bist du bei der Auswahl der einzelnen Themen vorgegangen bzw. musstest du limitieren, um individuell so konkret wie möglich zu sein?

 

Das Kapitel zum Thema Ur-Poesie zum Beispiel, in dem ich einige der Volkslieder, -märchen und -sagen auf Motive der germanischen Mythologie zurückführe, hätte ich unendlich weiterführen können; vielleicht erweitere ich es irgendwann einmal. Aber ich habe eine Auswahl getroffen, um das Gleichgewicht im Buch zu wahren.

 

- Gibt es Inhalte bzw. Kontexte im neuen Buch, die dir besonders nahe liegen?

 

Ob ein Gegenstand meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist wahrscheinlich stimmungsabhängig, alles zu seiner Zeit. Besonders reizvoll finde ich die Rückführung von volkstümlichen Texten auf vorchristliche Mythen, naturmagische Vorstellungen und schamanische Riten (Ur-Poesie). Aber auch die Vorstellung, dass sich die Volkspoesie „von selbst“ geschrieben habe, wie eine Pflanze wächst oder eine Quelle von alleine fließt (Natur-Poesie).

 

- Welche(s) waren als Kind deine Lieblingsmärchen?

 

Meine Mutter weiß noch, dass ich Hänsel und Gretel immer wieder hören wollte. Und dass ich in den Märchenillustrationen immer mit dem Finger auf den Fliegenpilz gezeigt habe.

 

- Welche Musik hörst du gerne beim Arbeiten? Hat sich bei dir durch deine Tätigkeit als Autor und Historienwissenschaftler über die Jahre etwas geändert in Sachen Lese- & Hörgewohnheiten?

 

Beim Schreiben höre ich gar keine Musik. Das würde mich ablenken. Auf der anderen Seite möchte ich mich auch beim Musikhören ganz auf die Musik einlassen können. Ich bin da ästhetischer Purist.

 

Tatsächlich hat meine kulturgeschichtliche Forschung auch Spuren im Musikgeschmack hinterlassen: Neben Rockmusik, die für mich etwas Dionysisches hat, höre ich mittlerweile auch gerne ethnische Musik, wenn sie auf musikarchäologischen Erkenntnissen basiert.

 

- Wie lebst du selbst am liebsten deine (Natur)spirituellen Passionen, Vorzeit-Sehnsüchte und erleuchtend-heidnischen Visionen aus? - Wird die supranational gezielt denaturierte Menschheit deiner Erkenntnis nach jemals aufhören, Übermutter Erde schändend auszuplündern, um wieder zu sich selbst und ihrer eigentlichen, Natur-basierenden Urseele finden?

 

Ich betrachte die Dinge aus der Perspektive pantheistischer Naturphilosophie und plädiere für eine spirituelle Ökologie.


Woher die Grimmschen Märchen stammen (2019)

In: Rheinische Post, 21. April 2019. Online: RP

 

Thomas Höffgen, promovierter Germanist aus Alpsray, hat ein neues Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel „Volkspoesie“, bildet auf dem Cover die Gebrüder Grimm ab und fällt in den Fachbereich der Märchenforschung.

 

Im Kern geht es um die umstrittene Frage nach dem Ursprung und dem Alter der grimmschen Kinder- und Hausmärchen, die als Unesco-Weltkulturerbe eingestuft sind. Der Autor: „In der jüngeren Forschung wurde oft behauptet, dass die Grimms die Texte selbst geschrieben hätten. Man hat sie des Betrugs bezichtigt. Tatsächlich aber führen zahlreiche Motive in die germanische Antike, etwa Frau Holle und Dornröschen. Manche Märchen wurden schon in proto-indoeuropäischer Ur-Sprache überliefert und sind 6000 Jahre alt.“

 

Höffgen distanziert sich von der vorherrschenden Lehrmeinung und fordert eine Rückbesinnung auf die romantische Perspektive der Ur-Germanisten: „Aufzuzeigen, dass die literarische Folklore tatsächlich aus einer Zeit stammt, die einmal war, ist das Anliegen meines neuen Buches“.

 

Das Werk geht ursprünglich zurück auf ein von Höffgen an der Ruhr-Universität Bochum geleitetes Seminar. Dennoch ist es auch für Laien leicht verständlich: „Ich mag es nicht, wenn wissenschaftliche Arbeiten so verklausuliert und fachsprachlich ausfallen, dass sie niemand mehr versteht. Jedenfalls sind meine Bücher nicht nur für Akademiker geschrieben, sondern für Jedermann und -frau“, so der Germanist.

 

Auch etwas Magie hat es sich erhalten. Höffgen:  „Volkspoesie hat etwas Mystisches an sich. Man betritt eine von Naturgeistern bevölkerte Wunderwelt, in der Tiere, Pflanzen und Steine sprechen können.“ Alles bloßer Aberglaube? Wahrscheinlicher sei, dass sich in den volkstümlichen Überlieferungen die Erinnerung erhalten habe an die schamanisch-animistische Weltanschauung und kognitive Lebenswirklichkeit der alten europäischen Naturvölker – dass sie also eine alte Wirklichkeit abbilden.

 

Aber auch mit einem tragischen Missverständnis räumt der Märchenforscher, der sein Abitur am Amplonius-Gymnasium „gebaut“ hat,  auf. Dass Volkspoesie gleich völkisch sei: „Das Wunderbare an der Volkspoesie ist doch, dass sie ein internationales und interkulturelles Phänomen ist. Märchen kennen keine Grenzen. Märchen sind ein Menschheitserbe. Deshalb haben schon die ersten Germanisten nicht nur deutsche Folklore gesammelt, sondern genauso britische, skandinavische, baltische und slawische sowie indische, afrikanische und amerikanische – man sprach von ‚Stimmen der Völker in Liedern‘.“